Diskursive Imaginäre des Wandels
Heterotopien, Macht/Wissen und die „Große Transformation“
19.–21. Juli 2027 | Philipps-Universität Marburg, Deutschland
Im Jahr 1527 wurde die Philipps-Universität Marburg als Ort intellektueller Umbrüche gegründet: die erste protestantische Universität der Welt, die verstanden werden kann als Heterotopie im Kontext einer tiefgreifenden Transformation. Fünfhundert Jahre später kommt die DNC 2027 nach Marburg, um zu fragen: Wie imaginieren, verhandeln und leben wir Transformation heute diskursiv?
Wir leben in einer Welt der Polykrise: ineinander verwobene Klimakatastrophen, der Aufstieg autoritärer Regime, wachsende soziale Ungleichheiten sowie die rasante Transformation der öffentlichen Sphäre durch Künstliche Intelligenz und digitale Medien. Doch die sprachlichen und diskursiven Praktiken, mit denen wir diesen Herausforderungen begegnen, sind keineswegs neutral. Der akademische Diskurs reproduziert nicht selten genau jene Deutungsrahmen, die er zu kritisieren versucht. Der Kongress DNC 2027 lädt Wissenschaftler*innen daher ein, über ein bloßes „Problemsprechen“ hinauszugehen und stattdessen zu fragen: Welche diskursiven Bruchlinien, Gegenimaginäre und heterotopischen Räume entstehen derzeit? Welche Zukünfte werden bereits artikuliert — und von wem?
Statt „Transformation“ als ein zu erreichendes Ziel zu begreifen, verstehen wir sie als diskursiven Raum: als Terrain von Bedeutungsproduktion, Macht, Konflikt, Sprache und Imagination. Auf Grundlage von sozialen Imaginären, Diskurstheorie und kritischen Epistemologien laden wir Forscher*innen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften (Linguistik, Soziologie, Medienwissenschaft, Kulturtheorie, Organisationsforschung; Gender- und Minoritätsforschung, Bildungswissenschaft, Organisationspädagogik, Politikwissenschaft, Philosophie, Geschichtswissenschaft u. a.) ein, sich aus diskursanalytischer Perspektive mit den Weisen auseinanderzusetzen, in denen Transformation erzählt, verhandelt und neu imaginiert wird.
Thematischer Schwerpunkt
Der Kongress knüpft an die lange Tradition der DNC-Veranstaltungen an, die sich mit der diskursiven Konstruktion von Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften beschäftigen. Dieses
Mal liegt der besondere Fokus auf den Imaginären, die unterschiedliche Akteur*innen, Bewegungen, Disziplinen und epistemologische Traditionen in die Frage des Wandels einbringen. Wir gehen dabei nicht davon aus, dass Transformation ein feststehender Begriff ist oder notwendigerweise in eine progressive Richtung weist. Auch rechtspopulistische und autoritäre Bewegungen verfügen über wirkmächtige Transformationsimaginationen. Auch die Gegen-Diskurse wie feministische Care-Ethiken, indigene Wissenssysteme, Commoning-Bewegungen, Degrowth-Ansätze sowie dekoloniale Perspektiven verdienen unsere kritische, analytische und zugleich ko-kreative Aufmerksamkeit.
Wir interessieren uns insbesondere für vier überlappende Dimensionen:
- Imaginäre und Diskurs: Wie werden die Bedeutungen von „Transformation“, „Krise“ oder „Zukunft“ in politischen, medialen und alltäglichen Diskursen konstruiert, stabilisiert und umkämpft? Welche sozialen Imaginäre prägen kollektive Vorstellungen von Ökonomie, Demokratie, Gesellschaft und Ökologie?
- Macht, Wissen und epistemische Kämpfe: Welches Wissen gilt als legitim, welches wird marginalisiert? Besonders willkommen sind Beiträge aus dem Globalen Süden sowie aus dekolonialen, feministischen und indigenen Perspektiven, die westlich-moderne Deutungsrahmen herausfordern. Ebenso interessieren uns Analysen darüber, wie Bildungssysteme, Organisationen und kommunikative Praktiken bestimmte epistemische Ordnungen normalisieren.
- Heterotopien und Gegenbewegungen: Wo entstehen alternative Räume, Praktiken und Diskurse? Wie werden Commons, Care, Solidarität und mehr-als-menschliche Verflechtungen als Alternativen zur Marktlogik artikuliert? Und in welchem Verhältnis stehen solche Räume zu hegemonialen Formationen — bzw. wie transformieren sie diese möglicherweise?
- Methodologische Reflexivität: Wie kann die Diskursforschung ihre eigenen Positionierungen reflektieren, hegemoniale Verengungen oder epistemischen Romantizismus vermeiden und Formen einer „sorgenden Forschung“ entwickeln? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für engagierte, transdisziplinäre oder ko-kreative Methodologien?
Themen und vorgeschlagene Panels
Wir laden zu 15–20-minütigen Vorträgen (mit anschließender 10-minütiger Diskussion) ein, die sich mit dem Kongressthema befassen. Beiträge, die sich nicht eindeutig einem der Themenfelder zuordnen lassen, sind ausdrücklich willkommen. Vorgeschlagene Panels beziehen sich z.B. auf folgende Perspektiven:
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Philosophisch: alternative Epistemologien, ontologischer Pluralismus und Wissenspolitiken
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Politisch: Populismus, demokratischer Rückbau, postkoloniale und feministische Demokratieimaginationen
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Ökonomisch: vom Neoliberalismus zu pluralen Ökonomien; diskursive Konstruktion der„Großen Transformation“
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Linguistisch: von großen zu kleinen Narrativen, Wahrheitsregime, Post-Truth-Ordnungen
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Gesellschaftlich und räumlich: soziale Fragmentierung, Commoning, urbane Heterotopien wie Commons/Public Partnerships und gemeinschaftsbasierter Wandel
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Ökologisch: Klimadiskurse, mehr-als-menschliche Verflechtungen, Buen Vivir und Degrowth
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Bildung und Organisation: onto-epistemologische Perspektiven z.B. des Commoning in der Bildung, institutionelle Diskurse, Diskursperspektiven auf organisationales Lernen und Bildung sowie pädagogische Imaginäre
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Methodologisch: reflexive, sorgende und transdisziplinäre Forschungsansätze
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Medien und digitale Imaginäre: KI-Sicherheit und -Alignment, digitale Plattformen und die Ko-Produktion gesellschaftlicher Zukünfte
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Geschlecht, Minderheiten und Postkolonialismus: antifeministische und anti-LGBTQ+-Diskurse, In-Group/Out-Group-Konstruktionen und dekoloniale Imaginäre
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und viele weitere
Präsentationsformate
Die DNC 2027 begrüßt Einreichungen in folgenden Formaten:
- Einzelvorträge – 20 Minuten Präsentation (Abstract max. 250 Wörter, Titel und Literaturangaben, APA 7)
- Symposien – drei thematisch verbundene Beiträge in einer 90-minütigen Session (Gesamteinreichung: 400 Wörter Rahmenbeschreibung + je 200 Wörter Abstracts + Titel und Literatur, APA 7)
- Forschungsworkshops – 90 Minuten mit methodischem und/oder anwendungsorientiertem Schwerpunkt (600 Wörter Rahmenbeschreibung, 400 Wörter Methodenteil, 300 Wörter Literatur)
Weitere Informationen zu den Formaten finden sich auf der Website des Kongresses: https://discourseanalysis.net/DNC2027
Unconferencing
Am zweiten Nachmittag des Kongresses wird ein partizipatives und ko-kreatives Unconferencing-Format organisiert. Dieses bietet Raum für die Diskussion von Buchprojekten, Forschungsanträgen, Konferenzen, drängenden wissenschaftlichen Fragen sowie für die Vernetzung mit universitären und regionalen Partnern, etwa dem Gleichstellungszentrum sowie dem Demokratiezentrum der Philipps-Universität Marburg.
Alle Teilnehmenden sind eingeladen, Themen für diese Sessions vorzuschlagen. Vorschläge für Networking- und Ko-Kreationsformate (90-minütige Sessions am Dienstagnachmittag) können über Conftool eingereicht werden.
Kongress-Sprachen
Bitte wählen Sie in Conftool die Sprache, in der Sie Ihren Beitrag präsentieren möchten (Englisch, Französisch, Spanisch oder Deutsch).
Einreichung
Alle Beiträge sind über Conftool einzureichen: https://www.conftool.com/dnc2027/
Wichtige Termine
- Beginn der Einreichungen: 15. Juni 2026
- Einreichungsfrist: 31. Oktober 2026
- Benachrichtigung über Annahme: 15. Dezember 2026
- Registrierungsfrist: 31. März 2027 (Early Bird) & 15. Juni 2027 (Regulär)
Teilnahmegebühren und Registrierung
Teilnehmende melden sich für eine aktive DiscourseNet-Mitgliedschaft (60 € für 2 Jahre) an und entrichten eine Kongressgebühr. Im Sinne eines solidarischen Ansatzes differenzieren wir in folgender Weise:
Early-Bird-Tarif (bis 31. März 2027):
- Professorinnen / wissenschaftlich Beschäftigte mit institutioneller Anbindung: 168 €
- Doktorandinnen: 83 €
- Kolleg*innen aus dem Globalen Süden / Studierende: 43 €
Regulärer Tarif (bis 15. Juni 2027):
- Professorinnen / Wissenschaftlerinnen mit institutioneller Anbindung: 253 €
- Doktorandinnen: 153 €
- Kolleginnen aus dem Globalen Süden: 83 €
Die Zahlungsmodalitäten werden mit der Annahmebestätigung versendet und sind über Conftool abrufbar. Der Kongress steht auch nicht vortragenden Teilnehmenden mit aktiver DN-Mitgliedschaft offen. Nicht vortragende Teilnehmende der gastgebenden Institution (Philipps-Universität Marburg) sind von der DiscourseNet-Mitgliedsgebühr befreit.
Veranstaltungsort
Der Kongress findet in Präsenz an der Philipps-Universität Marburg statt. Weitere Informationen zu Anreise, Unterkunft und Programm werden unter https://discourseanalysis.net/DNC2027 veröffentlicht. Eine Online-Teilnahme ist nicht vorgesehen.
Der Kongress wird in Kooperation mit dem Zentrum für Gender Studies sowie dem Demokratiezentrum der Philipps-Universität Marburg durchgeführt. Das lokale Organisationsteam leitet Prof. Dr. Susanne Maria Weber.
Kontakt
Für weitere Informationen zu Kongress, Anmeldung, Unterkunft oder Programm wenden Sie sich bitte an: DNC 2027 Organisationsteam: dncongress2027@gmail.com
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